Mein zweites Leben

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KULTURMOSAIK
Geschichte und Geschichten aus dem Weißeritzkreis
 

KULTURMOSAIK - Geschichte und Geschichten aus dem WeißeritzkreisIm Dezember 2003 erschien die 1. Auflage des Buches meines Freundes Dr. Reimar Börnicke aus Kipsdorf. Es wurde von der Freitaler Redaktions- und Verlagsgesellschaft mbH herausgegeben.

"Kulturenthusiasten habe ich im Laufe der Jahre in dieser Region einige getroffen und schätzen gelernt. Mit denen, die mir durch ihre kreative Unruhe und ihre Ideen imponierten ... verbindet mich eine geheime Partnerschaft und manche Freundschaft. Mit einigen von ihnen habe ich dieses Buch gemacht und teile mit ihnen die verwegene Hoffnung, aufmerksam machen zu können auf die Vielfalt ihrer Erlebnisse, Gedanken und auf das breite Spektrum ihres Wirkens. Die in diesem Buche Versammelten sind nicht Schriftsteller oder gar Dichter. Sie sind Künstler, Wissenschaftler, Museologe, Handwerker oder Ingenieur von Beruf - allesamt dieser Region zugetan ... Gemeinsam repräsentieren sie einen Zeitausschnitt dieses schönen Landstrichs zwischen Sachsen und Böhmen." (Vorwort von Reimar Börnicke)

Eingebettet in diesen Rahmen und die Vorstellung durch Dr. Reimar Börnicke

Adolf Heger, Jahrgang 1936, wohnt seit 1995 in Reichstädt und hat den Weißeritzkreis zu seiner Heimat erkoren. Hier engagiert sich der Mann in seinem "zweiten Leben" auf schier unermüdliche Weise auf vielen Gebieten, die der ehemals Dresdner Professor Dr. sc. techn., Polymer- und Strahlentechnologe in seinem einfühlsamen Beitrag beschreibt. Ohne die Computerkompetenz von Adolf Heger hätte dieser Sammelband nicht entstehen können. Ihm verdanke ich vor allem das Entstehen des äußeren Gesichts der Anthologie.

ist mein Beitrag

Mein zweites Leben
Adolf Heger

Das erfüllte Leben wird oft nur erreicht,
indem man es sich nicht bequem macht,
sondern vorsätzlich erschwert.


Elisabeth Noelle-Neumann, 1975, deutsche Meinungsforscherin,
Leiterin des Instituts für Demoskopie, Allensbach

Die meisten Menschen sind glücklich, wenn ihnen zwei bis drei Enkel beschieden sind. Aber ich hatte mir bereits im vorehelichen Alter vorgenommen, mit meiner künftigen Frau einmal so viele Kinder zu zeugen, dass ich eine Fußballmannschaft formieren kann. Dazu ist es zwar nicht gekommen, immerhin sind mir jedoch heute bereits neun Enkel und ein Urenkel beschert. Aber damit wollte ich mich nun zu dem Zeitpunkt nicht mehr zufrieden geben, als mir ein neues Leben geschenkt wurde. Und da dies zu einer sicher nicht alltäglichen Geschichte gehört, will ich sie hier erzählen.

Nach einem immerhin recht erfolgreichen Berufsleben, in dem ich alles erreicht hatte, was man als zielstrebiger Mensch so zu erreichen wünscht, wurde ich kurz vor der so genannten "Wende" von einer heimtückischen Krankheit heimgesucht. Zungen- und Mundbodenkrebs lautete das Ergebnis der am 13. März 1990 durchgeführten Diagnose. Die sechsstündige Operation erfolgte am 3. April 1990 in der Medizinischen Akademie Carl Gustav Carus in Dresden. Nach der Fachliteratur waren meine Überlebenschancen gering. Von maximal 30 Prozent war die Rede. Deshalb haben die Oberärzte Dr. Fröhlich und Dr. Eckelt mit ihren Mitarbeitern ein Wunder vollbracht. Sie haben mir ein zweites Leben gegeben und verscheuchten den Suizidgedanken. Ich hatte mich auf Kampf um eine ungewisse Zukunft einzustellen. Für einen Naturwissenschaftler ist es ungewöhnlich, von einer Osterbotschaft zu sprechen. Doch der heutige Professor Eckelt überbrachte sie mir am Karfreitag des Jahres 1990 (Freitag, der 13.!) mit den Worten: "In Ihrem Mund kämpft der Tod mit dem Leben, aber das Leben wird siegen". Indem ich diese Zeilen das erste Mal aufschreibe, lebe ich seit 4910 Tagen, das sind 117840 Stunden - oder 13 Jahre mein zweites Leben.

Zum Glück konnte ich aus meinem ersten Leben einiges herüber retten, so dass mir erneute Pubertätsprobleme erspart blieben. Aber hätte ich noch Eltern gehabt, so hätte ich ihnen - zumindest in den ersten Lebensjahren - doch auch einige Sorgen bereitet. Aber "darüber schweigt des Sängers Höflichkeit", zumal diese "Verfehlungen" als Relikt aus dem ersten Leben schnell aus dem Wege geräumt werden konnten.

Meine "Gespräche" erledigte ich schriftlich, ehe ich wie ein Anfänger das Sprechen neu erlernte. Das Denken war mir geblieben.

Da ich schon immer ein ausgeprägtes Zahlen- und Detailgedächtnis hatte, haben sich viele Ereignisse minuziös in meinem Gedächtnis festgesetzt aus meinem zweiten Leben. So kann ich es zu jeder Zeit wie einen Film vor meinem geistigen Auge ablaufen lassen. Dabei hilft mir im Bedarfsfalle mein akribisch geführter elektronischer Terminkalender mit integriertem Tagebuch (moderne Software macht das heute möglich).

Natürlich folgte unmittelbar nach der Operation eine Invalidisierung; an eine Berufsausübung war nicht mehr zu denken. Und so brauchte ich ein Umfeld und eine Tätigkeit, mit denen ich das mir gegebene zweite Leben mit neuen Inhalten ausfüllen konnte. Vor allem durfte mir - der ich von Berufs wegen an harte Arbeit gewöhnt war und für den der Arbeitstag oft bis zu 14 Stunden und mehr hatte (auch in der DDR haben wir nicht nur gefaulenzt) - die "Decke nicht auf den Kopf fallen".

Das neue Umfeld ergab sich Ende 1994, als wir aus Dresden zur Familie unseres Sohnes nach Reichstädt ins neu erbaute Haus zogen. Es ging mir so, wie es Reimar Börnicke in seinem Vorwort beschreibt, man musste als "Professor aus der Stadt" erst in dem 1500-Seelen-Dorf ankommen.

Der Neue setzte ein Fragezeichen. Würde er die Nase recht hoch tragen?

Und es galt, dieses Fragezeichen möglichst schnell durch ein Ausrufezeichen zu ersetzen. Um es vorweg zu sagen, es gelang! Heimatfreunde wie Paul Kühne und Axel Bellmann, der Schulleiter und Ortschronist Horst Schulz, der Gastwirt Peter Thiele, sie und andere sorgten dafür, mich heimisch zu fühlen und wieder aktiv zu werden auf vielen Gebieten, von denen mir keines in die Wiege gelegt worden war. Aber bis dahin floß zunächst noch viel Wasser die Elbe oder unseren Dorfbach hinunter.

Zu den ersten Aktivitäten in unserer neuen Wohnung gehörte, natürlich erst nach dem Einräumen der Wohnung und dem "Warmwerden" in derselben, der Aufbau eines Computerarbeitsplatzes (heute übrigens bereits ein Netzwerk aus drei Computern mit schnellster Internetanbindung und allen Schikanen), womit ein Wunschtraum aus meinem ersten Leben in Erfüllung ging, zählte ich hier doch mit zu den "Pionieren", deren Sekretärinnen einen der ersten Arbeitsplatzcomputer von ROBOTRON (den legendären 1715, heute noch funktionsfähig auf meinem Boden und Bestandteil eines kleinen Computermuseums, nachdem ich ihn - der zu DDR-Zeiten ein Vermögen gekostet hatte - nach der Wende zum Schrottpreis erwerben konnte). Und ich erinnere mich, wie ich damit mittels BASIC das Programm für eine statistische Auswertung der Ergebnisse einer Doktorarbeit oder mit dem komfortableren Programm Redabas (der DDR-Version von dBase) die Zimmerbelegung für die Unterkünfte für die in- und ausländischen Teilnehmer an einen wissenschaftlichen Kongress getrennt nach Männlein und Weiblein programmiert habe. Und auch wenn sich mein zweites Leben seit diesem Zeitpunkt zu einem sehr großen Teil am Computer abspielt, ist es nie langweilig geworden, und zum Glück habe ich eine einsichtsvolle Frau, die das notwendige Verständnis für die Art der Gestaltung meines zweiten Lebens aufbringt. Ich muss nämlich gestehen, ohne Computer könnte ich nicht leben.

Titelblatt meines Erstlingswerks als Amateur-LayouterDie erste größere Arbeit am Computer war ein Buch von meinem Freund Fritz Micklisch, einen ehemaligen Werkdirektor des VEB Plauener Spitze, Werk Dresden, mit dem Titel "110 Jahre Gardinen und Spitzen aus Dresden - Eine Betriebsgeschichte". Wir haben es gemeinsam ab dem 19. März 1996 gestaltet. Wenn man so will, mein "Erstlingswerk" als Amateur-Layouter. Das geschah unter Umständen, die man sich heute, nur etwas mehr als sieben Jahre später, kaum noch vorstellen kann und die die rasanten Fortschritte auf diesem Gebiet dokumentieren. Hätte ich das nicht live erlebt, ich würde es selbst kaum für möglich halten. Da damals ein Scanner noch nicht unbedingt zur Standardausrüstung eines Amateur-Layouters gehörte, mußten die historischen Fotos in einem Fotolabor (damals noch für den stolzen Betrag von 287,41 DM, für den man sich heute fast einen gebrauchten Computer kaufen könnte) auf eine CD gebrannt und von hier dann an meinem Computer in den Text eingebunden werden. Die 126 Buchseiten hatten eine Dateigröße von knapp 15 MB. Heute brennt man solche Datenmengen auf eine CD oder speichert sie in Sekundenschnelle auf einem USB-Memorystick oder diversen Speicherkarten, die mit heute in jedem Computer integrierten Kartenlesern gelesen werden können. Vor sieben Jahren noch ein Traum! Aber glücklicherweise gab es damals Komprimierungsprogramme, die es gestatteten, eine solch große Datei in "Einzelteilen" auf 11 Disketten zu speichern. Ich muß freimütig zugeben: ich habe bei diesem gemeinsamen Vorhaben extrem viel gelernt.

Und so konnten wir bei einer Digitaldruckerei in Dresden vorstellig werden, die uns innerhalb von zwei Tagen 200 Exemplare des Buches (Bild 1) gedruckt und gebunden hat. Und der Chef dieser Druckerei bot mir an dem Tage, als wir die Bücher abholten (übrigens wieder ein Freitag, nicht der 13. zwar, aber immerhin der 37. Hochzeitstag mit meiner Frau Susanne), an, auf Basis eines 500-M-Jobs, der mir natürlich bei meiner damals nicht üppig bemessenen Invalidenrente sehr gelegen kam, als freier Mitarbeiter bei der Druckerei tätig zu sein. Diese Tätigkeit nahm ich gern an. In der anschließenden fruchtbaren Zusammenarbeit lernte ich u. a. neue Layoutprogramme kennen, die mir auch in meiner privaten Sphäre sehr zugute kamen. Die weltweit bekannten Software-Standardprogramme von Adobe, der "PageMaker" für Layout und der "PhotoShop" für die Bildbearbeitung gehörten dazu. Die Lizenz zur Nutzung des "PageMaker" habe ich später auch privat erworben. Den "PhotoShop", der damals immerhin einen Wert von 1.800 DM repräsentierte, erhielt ich wegen des Interesses an meinem Projekt und für meine weiteren Unternehmungen im Dezember 1999 im wahrsten Sinne des Wortes als Weihnachtsgeschenk von der Adobe Systems GmbH.

In die Phase der Gestaltung des Buches von Fritz Micklisch fiel auch ein Gespräch mit dem Vorsitzenden des Heimatvereins "Reichstädter Windmühle" e. V., Axel Bellmann. Dieser hatte mich am 1. April 1996 besucht und mich als Mitglied des Heimatvereins geworben. Er hat damals offene Türen eingerannt, denn wie konnte ich mich wohl besser integrieren als über den Heimatverein, der aus der von Paul Kühne im Jahre 1983 gegründeten gleichnamigen Interessengemeinschaft hervorging. Und eine neue Aufgabe kam gleichzeitig auf mich zu: Eine Chronik über die kleine Holländerwindmühle, gewissermaßen das Wahrzeichen von Reichstädt, sollte geschrieben werden. Bei deren Erarbeitung haben mich viele Mitglieder des Heimatvereins mit alten Unterlagen maßgeblich unterstützt, aber besonders wertvoll für mich war der dadurch zustande gekommene persönliche Kontakt mit Prof. Hans Nadler vom Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, der mir die Einsichtnahme in Archivmaterialien ermöglichte. Zum 4. Deutschen Mühlentag im Mai 1997, an dem sich der Heimatverein - wie in jedem Jahr am Pfingstmontag - beteiligte, konnte die Broschüre "Die Windmühle zu Reichstädt - Ein Kleinod des Osterzgebirges" bereits verkauft werden. Das war der Beginn meiner Integration, und ich wurde "Einer von uns", oder anders ausgedrückt: aus dem Fragezeichen wurde successive das Ausrufezeichen.

Das machte Mut und ich wollte meine Möglichkeiten noch besser nutzen. Denn ein zweites Leben ist selten und kann nicht sinnlos vertan werden. Ich suchte immer neue Kontakte und Herausforderungen.

So kam ich an ein mir völlig unbekanntes Feld, die Kunst. Ich lernte den Maler Johannes Zepnick kennen, knüpfte Beziehungen zum Osterzgebirgischen Kunstverein, es entwickelten sich Bekanntschaften und Freundschaften - auch über den damaligen Kulturamtsleiter im Weißeritzkreis, Dr. Reimar Börnicke.

Mein erstes Plakat für den Osterzgebirgischen Kunstverein
Mein erstes Plakat für den Osterzgebirgischen Kunstverein
Plakat für eine Ausstellung von Gabriele und Karl-Heinz Loßnitzer
Plakat für eine Ausstellung von Gabriele und Karl-Heinz Loßnitzer

Und so entstanden mit meiner Computertechnik und meinen neuen Freunden in meiner neuen Heimatregion Plakate, Broschüren, Kataloge und immer wieder ansehnliche Einladungsdrucke, in denen ich meine neu erworbenen Fähigkeit widergespiegelt fand (vgl. die Bilder 2 bis 5).

Nicht genug damit. Die sich überschlagende Technikentwicklung provozierte eine Herausforderung nach der anderen.

Online-Banking musste her, die Ankopplung meines Computers ans Telefonnetz, die Einrichtung einer eigenen Internet-Homepage.

Bereits am 4. April 1997 war ich mit einer eigenen Homepage im Internet präsent, ein damals durchaus noch nicht alltägliches Ereignis, denn die Lokalredaktion Dippoldiswalde der Sächsischen Zeitung hat in ihrer Ausgabe vom 11. April 1997 sehr ausführlich darüber berichtet, wie ein Dorf im Osterzgebirge im Internet dargestellt wird. Auch "Ich bin drin ...!". Boris Becker bekommt heute mit seinem überraschten Gesichtsausdruck (zumindest soll es so aussehen) für diese Bemerkung von AOL (der American Online) für seinen Werbespot im Fernsehen viel Geld!

Bei meiner Übersiedlung nach Reichstädt hatte ich vom ersten Tage an die hiesige Dorfzeitung, die "Reichstädter Nachrichten", abonniert. Schon deshalb, weil ich dadurch möglichst schnell und umfassend über mein neues Umfeld informiert werden wollte. Diese Dorfzeitung hatte der damalige Bürgermeister von Reichstädt ins Leben gerufen. Er wollte das immer bemängelte Informationsdefizit abbauen, manche sagten, die Neugier befriedigen.

Und just in dem Augenblick, als ich mit der erwähnten Digitaldruckerei in Dresden im Rücken einerseits und mit meiner Technik andererseits die Möglichkeit hatte, druckfertige Dateien direkt vom Computer aus per ISDN-Leitung an die Druckmaschine zu schicken, sah ich die Stunde dafür gekommen, die bisherige Herstellungstechnik (Kopieren von Schreibmaschinen-, Zeitungs- und anderen Vorlagen und Zusammenheften der einzelnen Ausgaben in der Schule) zu verlassen und die Zeitung digital zu drucken. Es wäre falsch, wenn ich behaupten würde, dass ich dafür sofort offene Ohren fand. Man konnte es andererseits aber auch niemandem verübeln, wenn man mein Angebot, an der aktiven Gestaltung der Dorfzeitung teilhaben zu wollen, nicht sofort mit Hurra-Rufen aufnahm. Waren doch Kenntnisse über diese mir geläufige Technik doch zum damaligen Zeitpunkt beileibe noch kein Allgemeingut und die Skepsis gegenüber neuen und unbekannten Techniken noch recht groß. Und möglicherweise spielten auch Gedanken wie "Was will denn der Klugscheißer aus der Stadt, bisher haben wir doch auch eine Zeitung herausgegeben, die den Anforderungen genügte". Es bedurfte des besonderen Engagements meines Freundes Paul Kühne, der für den 15. Juli 1997 in seiner Wohnung ein Redaktionsgespräch organisierte, in dessen Ergebnis festgelegt wurde, dass ich fortan das Layout und die digitale Gestaltung unserer Dorfzeitung übernehme. Im Impressum war seit diesem Zeitpunkt zu lesen: "Unter Mitwirkung von Herrn Prof. Dr. Adolf Heger und Herrn Paul Kühne". Es dauerte nicht lange, und ich konnte in den Kreis der Redakteure unserer Heimatzeitung aufsteigen. Der Umfang der Zeitung wurde schnell beträchtlich erweitert, zumal ich mir nicht nur die Gestaltung, sondern auch die aktive Mitwirkung an der Darstellung des Dorfgeschehens auf die Fahne geschrieben hatte. Das wurde vor allem auch dadurch begünstigt, dass ich mir im März 1997 eine der ersten zu einem erschwinglichen Preis erhältlichen Digitalkameras gekauft hatte und fortan den Beinamen "Der rasende Reporter" führte, der einst den bekannten tschechischen Journalisten Egon Erwin Kisch ehren sollte.

Es war gelungen, ein leistungsfähiges Team voller Ideen und Einsatzbereitschaft für diese ehrenamtliche Tätigkeit zu begeistern. Vier gleichberechtigte, ehrenamtliche Redakteure (zwei Frauen und zwei Männer) und eine "Schatzmeisterin" haben heute die Geschicke in die Hand genommen für eine Dorfzeitung, die sich eines zunehmenden Beliebtheitsgrades erfreut und mittlerweile weit über die Dorf- und Stadtgrenzen hinaus bekannt ist.

Plakat für das erste Deutsch-Tschechische Künstlersymposium nach einer Vorlage von Johannes Zepnick
Plakat für das erste Deutsch-Tschechische Künstlersymposium nach einer Vorlage von Johannes Zepnick
Die Kinderseite der Reichstädter Nachrichten, Dezember 2000
Die Kinderseite der Reichstädter Nachrichten, Dezember 2000

Und dann hatte ich eines Tages eine ganz verwegene Idee. Man sollte die "Reichstädter Nachrichten" überall lesen können, und das setzte ihre Präsentation im Internet voraus. Auch hierbei war ich zunächst fast der einzige, der an den Sinn eines solchen Vorhabens glaubte. Aber es war ja schließlich mein Geld, das ich für diese Aktion ausgab, und ich brauchte ja nur die grundsätzliche Zustimmung der "Offiziellen". Und diese "nickten mein Vorhaben ab" (wiewohl ich wußte, dass man auch hier wieder skeptisch war und mich vielleicht sogar ein bißchen belächelte). Immerhin war es wieder die Sächsische Zeitung, die am 23. Februar 1999 eine Kurzmeldung brachte, dass "seit Montag, dem 22. Februar 1999 die Reichstädter Nachrichten im Internet angeboten" werden. Und heute? Wir haben im Monat fast genau so viele Zugriffe auf die Internetpräsentation - teilweise sogar noch mehr! - wie Abonnenten in Reichstädt (und das sind immerhin bereits fast 400, bei etwas über 1400 Einwohnern ein bemerkenswerter Stand). Unter den Internetlesern befinden sich inzwischen treue Stammleser in Kanada, Schottland und in den verschiedensten Ländern der Bundesrepublik Deutschland, vielfach auch geborene Reichstädter, die damit mit ihrer Heimat verbunden bleiben. Im Juli 2001 hatte ich die Zeitung erst ein paar Tage nach ihrem offiziellen Erscheinen (am 1. jeden Monats) "ins Netz gestellt". Und prompt erhielt ich aus Schottland eine eMail "Lieber Herr Prof. Dr. Adolf Heger, vermisse meine Heimatzeitung! Herzliche Grüße...", und nachdem ich mich entschuldigt und für das große Interesse an den Reichstädter Nachrichten bedankt hatte, kam am Abend des gleichen Tages um 22:19 Uhr die Rückantwort: "Vielen Dank für Ihre eMail, ich habe die Juli-Ausgabe gerade jetzt erhalten. Recht herzlichen Dank!". Solch ein "weltweites Echo" baut natürlich auf und spornt an.

Plakat zum Gedenken an den Nestor der Volkskunst Herbert Alvers unter Verwendung eines Bildes aus seiner Hand
Plakat zum Gedenken an den Nestor der Volkskunst Herbert Alvers unter Verwendung eines Bildes aus seiner Hand

Oft reicht der Platz in der Dorfzeitung für aktuelle Berichterstattungen schon gar nicht mehr aus oder der Termin von Ereignissen (z. B. von Dorffesten) liegt so ungünstig, dass ein Bericht darüber erst Wochen danach in der Dorfzeitung erscheinen kann. Dafür habe ich nun eine neue Art der aktuellen Berichterstattung erschlossen: die sofortige Präsentation im Internet auf der Homepage von Dippoldiswalde.

Sollte dem Leser bis hierher der Gedanke gekommen sein, daß ein zweites Leben durchaus vielerlei Neues bringen kann, wenn man sich nicht verschließt, dann kann ich noch eins draufsetzen. Denn meine jugendliche Idee im ersten Leben, gern mit einer Kinderschar in Fußballmannschaftsstärke zu tun haben zu wollen, kam mir in meinem zweiten Leben wieder in den Sinn.

Das sind jetzt die Reichstädter Kinder, mit denen wir die Kinderseite unserer Dorfzeitung gestalten und mit denen der rasende Reporter oft unterwegs ist. Angeregt wurde ich dazu von unserem "Lindenwirt". Er empfahl mir im Mai 1999, die Kinder selbst aktiv in die Gestaltung der Kinderseite mit einzubeziehen. Eines war mir von vornherein klar: "Du kannst die Kinderherzen nur dann gewinnen, wenn Du einerseits mit ihnen eine echte Gemeinschaft bildest, andererseits etwas bietest, was andere aus den verschiedensten Gründen nicht können oder aus Bequemlichkeit nicht wollen". Auch hier wieder kühle Skepsis und abwartende Positionen von vielen Seiten. "Wie lange willst Du das denn durchhalten?", "Wann werden Dir denn die Ideen ausgehen?" waren tatsächlich gestellte Fragen. Aber ich bin nicht der Typ, die Flinte ins Korn zu werfen.

Und so begann ich in der Juni-Ausgabe 1999 unserer Dorfzeitung, also vor nunmehr schon weit über fünf Jahren (!), mit den Kindern über die Kinderseite einen Dialog, indem ich ihnen zu bestimmten Objekten Fragen stelle, die sie mir dann durch Bilder oder kleine Geschichten beantworten sollten. Diese Fragen beziehen sich meist auf Einrichtungen und Ereignisse, die mit der näheren und weiteren Umgebung zu tun haben. Diese suchen wir dann gemeinsam auf. Auf diese Weise habe nicht nur ich mein Umfeld bestens kennen gelernt, sondern auch bei den Kindern wurde ein "Erlebnisrausch" wachgerufen. Meinungen wie "aber es waren ja diesmal nur fünf" (gemeint war die Anzahl der Kinder, die mir auf meine Fragen geantwortet haben) zeugten von den Zweifeln an meiner Konzeption und die habe ich glatt überhört! Ich sehe "die Flasche immer halb voll", bei anderen ist "die Flasche immer halb leer". Mittlerweile sind es stets um die 12 bis 15 Kinder und mehr, mit denen wir monatliche Exkursionen durchführen. Eine Reihe von Müttern und Vätern sind von diesen zur Aktion gewordenen Veranstaltungen so begeistert, dass sie uns auf unseren Ausflügen begleiten. Dadurch ist auch das Transportproblem gelöst, denn einmal in jedem Monat sind im Durchschnitt vier - oft sogar mehr - Autos mit Reichstädter Kindern zu gemeinsamen Erlebnissen unterwegs. Der Startschuss wurde am 17. Juni 1999 gegeben, als unser "Lindenwirt" die Teilnehmer an einem Fotorätsel (es war eine im Juniheft abgebildete DDR-Waschmaschine aus dem Jahre 1950 zu identifizieren und eine Geschichte über das Objekt zu schreiben) zu einem Eisbombenessen eingeladen hatte. Zugegeben: wir begannen tatsächlich mit nur vier Kindern, aber war das ein Grund, gleich von vornherein zu verzagen? Zu Beginn konnte ich mit einer der Töchter unseres Pfarrers sogar über einen längeren Zeitraum eine Jugendredakteurin gewinnen, die mich unterstützte. In den Folgemonaten nahm die Anzahl der Kinder, die sich beteiligten, stark zu und wir besuchten unter anderem folgende Einrichtungen bzw. konnten folgendes erleben: die Fleischerei Geißler in Dippoldiswalde, die Kirche in Reichstädt (die Kinder durften sogar die Orgel spielen), nahmen an einer Übung der Freiwilligen Feuerwehr Reichstädt teil, beobachteten die Mitarbeiter der Reichstädter Metall- und Stahlbau GmbH bei ihrer Arbeit, lernten bei Bürgermeister Horst Bellmann die Arbeiten im Rathaus kennen, beobachteten eine Physiotherapeutin bei ihrer Arbeit, besuchten eine Ludwig-Richter-Ausstellung in Dresden, spannen und webten in der Schäferei Drutschmann, lernten die Arbeit einer Zeitungsredaktion bei der Sächsischen Zeitung kennen, ließen im Herbstwind selbst gebastelte Drachen steigen, waren mehrfach zu Gast in der Galerie Lilith in Reichstädt bei Regina und Johannes Zepnick und konnten uns dort künstlerisch betätigen, brachten unsere Vorstellungen zur Weihnachtsgeschichte in Bild und Wort zu Papier (Bild 6), lernten eine Druckerei kennen, beobachteten die Tischler von Reichstädt bei ihrer Arbeit, konnten im Gartenbaubetrieb Philipp in Dippoldiswalde Balkonblumenkästen bepflanzen, bastelten in der Künstlerwerkstatt im Schloss, besuchten den Märchenpark in Reinhardtsgrimma, Reiterhöfe, eine Ausstellung in der Galerie Skell in Schmiedeberg und das Wildgehege in Obercarsdorf, unternahmen mit einem Förster eine Wanderung, sahen uns in einer Sparkasse um und ließen uns in einer Zimmerei erklären, wie man Häuser baut, ließen uns in einem Nagelstudio die Fingernägel behandeln, besuchten einen Imker und beobachteten ihn bei der Arbeit, lernten die Arbeit eines Müllers kennen, besuchten das Wildgehege Höckendorf, bastelten bei der Reichstädter Künstlerin Angelika Blaschek Weihnachtsgeschenke (Bild ), waren zu Gast beim Weihnachtsmann, lernten einen Märchendichter und seine Illustratorin kennen, konnten unser Wissen in der Stadtbibliothek Dippoldiswalde erweitern (Bild ) und das große Arbeitsfeld des Kinderschutzbundes kennen lernen. Hierbei unterstützt mich seit längerer Zeit auch Heike Bellmann, die ich auch zur Mitarbeit in der Redaktion gewinnen konnte und die vor allem zuständig für die Berichterstattung über das Vereinsleben ist, tatkräftig bei der Vorbereitung und Durchführung dieser Aktionen.

Therese Flämig, Lisa Marie Klett und Sarah Lohf zu einem vorweihnachtlichen Bastelnachmittag bei der Reichstädter Künstlerin Angelika Blasckek
Therese Flämig, Lisa Marie Klett und Sarah Lohf zu einem vorweihnachtlichen Bastelnachmittag bei der Reichstädter Künstlerin Angelika Blasckek

Wenn ich es mir recht überlege, hätten diese Erlebnisse auch in dem Kinderbuch meines Freundes Franz Lorber aus Schmiedeberg stehen können, das er gemeinsam mit der Illustratorin Bärbel Lange (seit geraumer Zeit auch Redaktionsmitglied unserer Dorfzeitung) und mir unter dem Titel "Großvater erzählt" herausgegeben hat.

Und so langsam glaube ich an Wunder und an Glück. Als mir nämlich "meine vielen Kinder und Enkel" zum 65. Geburtstag ein Ständchen brachten, begegnete mir solch wunderbarer Glücksmoment. Vielleicht stimmt auch der weise Satz "Ohne Fleiß kein Preis"?

Inzwischen ist der "Professor aus der Stadt" für die einen "Opa Heger" und für die anderen ein Reichstädter geworden. Da bekommt man fast ein schlechtes Gewissen, wenn man in die Kreisstadt ausbüxt und seit nunmehr fast sechs Jahren als freier Mitarbeiter auch noch Gerichtsreporter der Sächsischen Zeitung ist ... über 450 Gerichtsberichte sind es inzwischen geworden!

Der zweijährige Rick Lohf, Sandra Ebert und Sarah Lohf beim "Studium" in der Stadtbibliothek Dippoldiswalde
Der zweijährige Rick Lohf, Sandra Ebert und Sarah Lohf beim "Studium" in der Stadtbibliothek Dippoldiswalde

"Aber nun ist langsam Schluss, Adolf" sagt meine über die Maßen geduldige Frau, "im Garten wächst schon Unkraut ...". Da fällt mir ein, in der Kindheit und Jugend meines ersten Lebens hatte ich mir gewünscht, dass ich in meinem zweiten Leben als Schmetterling auf die Welt komme, aber diesen Wunsch muss ich nun wohl für mein drittes Leben aussprechen.